Tram



Angst? Warum sollte ich denn Angst haben? Warum habe ich Angst? Vor was denn? Und überhaupt? Vor wem? Ich habe jetzt keine Angst mehr. Das muss ich mir einfach immer wieder und immer wieder sagen. Keine Angst haben, hörst du? Du hast jetzt keine Angst mehr… okay… Ich habe immer noch Angst.

In 8 Minuten kommt die Tram und wenn ich einsteige, ist meine Angst vorbei. Ganz bestimmt ist sie das, sie wird es dann sein. Vorbei. Weg. Nur hoffen, dass sie wirklich kommt. Die Tram. Wenn nicht, bleibt Angst. Das wäre nicht so gut.

Gestern ging es meinen Eltern nicht besonders gut. Soll ich heute nochmal anrufen? Nein, heute nicht. Heute ist schon zu spät. Heute ist eigentlich schon morgen. Morgen rufe ich an. Dann frage ich: Wie geht es euch? Und wenn es ihnen gut geht, dann sage ich ihnen, dass das mich sehr freut. Dass ich sie liebe. Und wenn es ihnen immer noch nicht gut geht, frage ich, ob ich etwas für sie tun kann. Sie werden dann sagen, dass ich nichts tun kann. Dass da niemand was tun kann. Keine Ahnung, wo dieses »Da« sein soll. Nicht hier jedenfalls. Nicht einmal die Ärze können helfen, sagen sie. Ganz bestimmt nicht die Ärzte. Die nicht, nein DIE nicht. Und dann sage ich, dass ich sie liebe. Dass sie viel für mich gemacht haben. Ich mir wünsche, dass es ihnen gleich besser geht. Sie das Beste aus der Situation machen müssen. Auch wenn es schwer ist. Besonders, wenn es schwer ist. Dann werde ich auflegen. 

Womöglich sitze ich dann in meiner Küche, rauche eine Zigarette. Während des Telefongesprächs, atme ich den Rauch möglichst leise aus, damit Mutter nicht fragt, ob ich rauche. Sie weiß, dass ich rauche. Nur nicht wieviel, ich rauche viel. Dann würde ich sagen. Ja, ich rauche. Dann würde sie sagen, dass es ungesund ist. Das Rauchen. Dann sage ich: Ja, das stimmt. Ich rauche ja nicht viel, keine Angst, würde ich dann sagen. Nach dem Telefonat werde ich den Rest der Zigarette laut aufrauchen, den letzten kalten Schluck Espresso austrinken und mich dann in die Dusche begeben. Oder ich gehe joggen. Und danach duschen. Oder ich gehe duschen, nicht joggen und erst abends zum Sport, und nochmal duschen. Das ist aber dann nicht gut für die Umwelt.

Man hat immer die Wahl. Hat der betrunkene Mann, der sich einen Tessla gekauft hat, gesagt. Menschen, die sich Tesslas leisten können, haben immer eine Wahl, habe ich geantwortet. Dann hat er gesagt, dass ich ein arrogantes Schwein bin. Und das habe ich nicht abgestritten. Ich bin ein arrogantes Schwein. Das habe ich mir wohl verdient. Ich wurde schon schlimmer beleidigt.

Eine Wahl hat nichts mit einer Entscheidung zu tun. Eine Wahl triffst du, weil du kannst. Eine Entscheidung, weil du musst. Tessla. Um die Umwelt zu retten. Wer hat dem ins Gehirn geschissen?

Noch 3 Minuten. Dann kommt sie endlich. Die Angst ist immer noch da. Und noch immer weiß ich nicht warum. Habe ich überhaupt Geld auf dem Konto? Hat der Verlag eigentlich schon überwiesen. Ich gucke lieber nicht nach. Sich selbst was vormachen, die Kunst nicht verrückt zu werden. Zwei Minuten noch, nein, nur noch eine. Noch schnell eine rauchen? Nein, jetzt ist zu spät. Ich habe immer noch Angst. Abwarten, was die Zeit bringt. Oh Gott, fuck, warum sage ich immer noch Gott? Wie sehr will ich mich vergessen, nur für einen Moment, nur für einen kurzen Augenblick innerhalb dieser verdammten Warterei. Nur einmal inmitten von mir selbst sein… an nichts denken, nichts erwarten, nichts abwarten…

LOCKER RUF, 2019. LUC SPADA, ANNICK SCHADECK.